Das Mittelalter

Das Gottesurteil

Die Aufgabe der Gerichte in frühmittelalterlicher und karolingischer Zeit bestand weniger darin, den einer Klage zugrundeliegenden Sachverhalt durch Tatsachen- oder Zeugenbeweise zu klären, sondern wurde im Prozeß vielmehr in erster Linie die Gesamtpersönlichkeit des Angeklagten gewürdigt und in formaler Weise dem Klagevorwurf gegenübergestellt. Deswegen war das wichtigste Beweismittel, mit dem der Angeklagte die Klage zurückweisen konnte, der Eid. Daneben gab es als subsidiäres Beweismittel, vor allem für Personen, die nicht eidesfähig waren (z.B. Frauen oder unfreie Hintersassen), das ebenfalls dem sakral-magischen Vorstellungskreis angehörige Gottesurteil, mit dem sich die angeklagte Person durch das Bestehen einer elementaren Naturprobe vom Klagevorwurf reinigen konnte.

Am häufigsten wurde noch in karolingischer Zeit die Feuerprobe (Schreiten über glühende Pflugschare) oder die Wasserprobe (Eintauchen in fließendes Wasser) angewendet. Im 8. und 9. Jh. waren diese Verfahren mit christlichen Ritualien versehen worden. Auch der Ausgang des gerichtlichen Zweikampfs wurde nun als Gottesurteil verstanden und bewertet.

Reinigungseid, Gottesurteile und Zweikampf kamen auch im Verfahren vor den kirchlichen Gerichten vor. Gottesurteile waren aber nur bei Laien erlaubt. Gleichwohl nahm im 12. Jh. die Abneigung der Kirche gegen diese formalistische Beweisführung zu. 1215 hat schließlich das 4. Laterankonzil dagegen Stellung genommen, so daß deren Bedeutung im Prozeßrecht schnell zurückging.
Außerdem war im Bürgertum der Städte die Bereitschaft gering, zum gerichtlichen Zweikampf anzutreten; in vielen Stadtrechten seit dem späten 12. Jh. wurde der Zweikampf unter Bürgern ausgeschlossen. Gottesurteile wurden wohl noch veranstaltet; ihre Bedeutung ging jedoch stark zurück, wenn auch noch im 16. Jh. bei manchen Delikten (Hexerei) Formalien im Prozeß angewendet worden sind, die frühmittelalterlichen Gottesurteilen ähnlich waren.

© 18.08.2017