Das Mittelalter

Der Ablass und Ablassbrief im Mittelalter

In der kirchlichen Bußpraxis konnten unter bestimmten Voraussetzungen die Gläubigen die Vergebung begangener Sünden erlangen. Dabei mussten Bußwerke geleistet werden, die nach der hochmittelalterlichen Kanonistik auch durch Geld oder Almosenspenden abgelöst werden konnten. Daneben gab es seit dem u. Jh. die Möglichkeit, durch gemeinnützige Werke einen Nachlass (Ablaß) zeitlicher Sündenstrafen zu erlangen. Die Scholastik, besonders Thomas von Aquino (gest. 1274), hatte die Lehre entwickelt, dass die Kirche aus dem Wirken Christi und der Heiligen einen unausschöpfbaren Schatz von Verdiensten (thesaurus ecclesiae) besitze, aus dem sie Gläubigen eine
Gegenleistung für erbrachte Werke zur Verfügung stellen könne.Die Verteilung der Gnadenmittel nahmen die Päpste in Anspruch, vor allem die Gewährung vollkommener Ablässe. Die Kompetenz der Bischöfe bei der Ablaßgewährung wurde seit dem 4. Laterankonzil (1215) eingeschränkt. Ablaßerwerb war hauptsächlich in dazu privilegierten Kirchen möglich, die ihrerseits zur Erlangung solcher päpstlichen Privilegien erhebliche Mittel aufwandten. Seit dem von Papst Bonifaz VIII. 1300 erstmals abgehaltenen Jubeljahr in Rom bot der Besuch römischer Kirchen an den päpstlich angeordneten Jubeljahrs - Terminen besondere Möglichkeiten zur Gewinnung von Ablässen. Es konnte dabei nicht ausbleiben, dass die finanzielle Seite der Ablaßgewährung und des Ablaßerwerbs immer mehr in den Vordergrund trat und dass sich dabei im Bewusstsein der einfachen Gläubigen die sachlichen und die kausalen Zusammenhänge verschoben. So war unter dem Volk im Spätmittelalter die Meinung verbreitet, dass auch der außerhalb des Bußsakraments erworbene Nachlass von zeitlichen Sündenstrafen die Möglichkeit für die Gewinnung der Absolution eröffnen könne. Es traten auch Prediger auf, die in übertriebener Weise den Ablaßerwerb propagierten, um die kirchlichen, besonders die kurialen, Einnahmen zu erhöhen. Daraus entstanden Missstände in der kirchlichen Beicht- und Bußpraxis. Aus dieser im 15. Jh. eingetretenen Situation erwuchs einer der Anlässe für die von Martin Luther 1517 ausgelöste Reformation.

© 13.12.2017