Das Mittelalter

Die Ehe im Mittelalter

Nach der älteren, bis in das 12. Jh. ziemlich ausschließlich anerkannten Meinung beruhte die Ehe, durch welche ein neuer Hausstand begründet wurde, auf einem Vertrag, den ursprünglich die Familien von Braut und Bräutigam abschlössen. Anstelle dieser recht archaischen Vertragsehe trat dann die zwischen dem Bräutigam einerseits und dem Vater oder sonstigen Muntträger der Frau andererseits vereinbarte Ehe, wo die Braut zwar nicht als Vertragspartnerin auftrat, aber doch durch die notwendige Konsenserklärung für das Verlöbnis und die Trauung eine auch rechtlich bessere Stellung erhielt. Wichtig war aber immer noch, dass die Munt über die Frau von der bisherigen auf die neue Familie überging.Einen wesentlichen Wandel brachte die Kirchenrechtslehre, die seit dem Decretum Gratiani (-* Kanonisches Recht) und dem vierten Laterankonzil (1215) bestimmte, dass die Ehe ein Sakrament und damit grundsätzlich unauflöslich sei und der kirchlichen Gesetzgebung und Rechtsprechung unterliege. Das Kirchenrecht entwickelte ein kasuistisch ausgebautes System von Vorschriften, vor allem über die Ehehindernisse (geistlicher Stand, Verwandtschaft, Religionsunterschiede) und über die Formalien der Eheschließung. Für die künftige Entwicklung wurde wichtig, dass die Kirche den Konsens der Partner zur wesentlichen Grundlage der Eheschließung machte und dass die geistlichen Gerichte die Ehegerichtsbarkeit an sich zogen. Zur Sicherstellung eigener Einkünfte der Frau im Fall der Auflösung der Ehe durch den Tod des Mannes mussten der Vater der Braut eine Aussteuer (zugleich Abfindung des Erbanspruches der Frau auf das väterliche Vermögen) und der Mann das Wittum und die Morgengabe (donum propter nuptias) bereitstellen.

War einerseits der Gedanke der Gütertrennung lebendig, wenn nämlich beim Tod der Frau dieser Vermögenskomplex an ihre Familie zurückfiel (sofern keine erbberechtigten Kinder vorhanden waren), so galt doch auch der Grundsatz, dass der Mann die Gewere am Frauengut und damit ein kaum beschränktes Nutzungsrecht auch über das Heiratsgut besaß. Der Mann musste daher häufig zum Wittum eine sogenannte Widerlegung in gleicher Höhe erbringen. Diese Vermögensteile konnte der Mann zwar nutzen, wobei auch die Rolle der Frau als Inhaberin der Schlüsselgewalt erheblich ins Gewicht fiel, er war jedoch in der alleinigen Verfügung darüber beschränkt. Der Gedanke der Gütergemeinschaft bahnte sich im Spätmittelalter, vor allem in den großbürgerlich-städtischen Gesellschaftsschichten, an; in der Verwaltung dominierte jedoch der Ehemann.

In der Gliederung der mittelalterlichen Gesellschaft nach Geburtsständen kam dem Prinzip der Ebenbürtigkeit sehr große Bedeutung zu. Dieser Grundsatz schloss Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Stände eigentlich aus. In der Lebenswirklichkeit wurde das Prinzip nicht eingehalten. Interessen, die sich aus Besitz, Herrschaft und Vermögen von Familienverbänden ergaben, oder emotionale Bindungen persönlicher Art haben in vielen Fällen zu Eheschließungen geführt, die in ständischer Hinsicht unebenbürtig waren. Dabei galt seit dem Hochmittelalter, dass eine unebenbürtige Frau den Stand des Mannes nicht erlangte und dass die Kinder aus einer solchen Ehe dem geringeren Stand („der ärgeren Hand") folgten. Unebenbürtige Frauen erhielten kein Wittum, sondern lediglich die Morgengabe, das bildete die Grundlage für die Entwicklung der in fürstlichen Familien der Neuzeit häufig vorkommenden morganatischen Ehen (Ehen zur linken Hand). In den haus- und hofrechtlichen Verbänden mussten die der Herrschaft unterworfenen Leute die Zustimmung des Herrn (Unfreie) zur Eheschließung einholen. Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Hofrechte waren unerwünscht; kamen sie doch zustande, so schlössen die Herren, bevor sie den Konsens erteilten, häufig Verträge, durch welche die Zugehörigkeit der aus solchen Ehen hervorgehenden Kinder geregelt wurde.

© 13.12.2017