Das Mittelalter

Die Familie im Mittelalter

Erst in der Neuzeit bürgert sich der moderne Familienbegriff ein, mit dem im weiteren Sinn die Verwandten und im engeren Sinn die in einer Hausgemeinschaft lebenden verwandten Personen gemeint sind. Diese Lebensgemeinschaft wurde vorher meist aufzählend („Mann, Frau, Kinder") beschrieben und war auf den gemeinsamen Haushalt bezogen. Als eine nach genealogischen Zusammenhängen definierte Personengruppe hatte die Familie die größte Bedeutung für die mittelalterliche Sozialgeschichte. Das Früh- und Hochmittelalter kennt auch den Begriff der Sippe als Verwandtschaftskreis aller von einem gemeinsamen Stammvater abstammenden Personen („agnatische Sippe") oder als Gemeinschaft der gleichzeitig lebenden verwandten und verschwägerten Personen („cognatische Sippe"), da diese Personengemeinschaften aber nur schwer in genauerer Weise nach Zugehörigkeit, Organisation und Kompetenz des Verbandes zu definieren sind, kommt dem auf dem rechtlich normierten Hofverband beruhenden Familienverband eine wesentlich größere Rechts- und Verfassungsbedeutung zu. Das in Generationenfolgen denkende agnatische Verwandtschafts- und Familienbewußtsein erstarkte im Hochmittelalter, speziell im 12. Jh., wozu die lehenrechtliche Bindung der großen Familiengüter beigetragen hat. Da alle Agnaten eines Familienverbandes potentielle Inhaber des Lehengutes und in die Gesamtbelehnung einbezogen waren, hat das auf diese Weise gebundene Stammgut den Zusammenhalt der Besitzerfamilien geprägt.
Wichtiger aber war der auf der Ehe eines voll rechts-, waffen- und handlungsfähigen Mannes beruhende Hausverband, zu dem mit der Hausfrau die unter der Munt des Familienvaters stehenden minderjährigen und die erwachsenen, unverheirateten Kinder sowie das unfreie Gesinde gehörten. Diese Verbände bezeichnet man als „fami-lia", das Wort gehört etymologisch zu „famulus" und „famula" (Knecht und Magd) und bezeichnet diejenigen Personen, die personenrechtlich der Munt des Hausvaters unterstehen und wegen der Güter, die sie bewirtschaften, auch sachenrechtlich von der —* Gewere des Herrn von Haus und Hof abhängig sind. Das Haus, als Kern der (biologisch definierten) Familie und als Mittelpunkt der herrschaftlich organisierten „familia" hat die allergrößte Bedeutung für die hochmittelalterliche Sozialgeschichte.

Die Familie des Freien oder des Mannes von Adel bildete den Kern des Hausverbandes; sie entstand durch die Gründung des Hausstandes in einer rechtsgültigen Ehe. Die der Herrschaft des Hausherrn und Familienvaters unterworfenen Unfreien konnten innerhalb des Haus- und Hofverbandes Ehen eingehen und Familien bilden; sie waren als Angehörige der „familia" in das Wirtschaftssystem des Fronhofs oder der späteren Grundherrschaft eingegliedert. Ehen zwischen unfreien Angehörigen verschiedener „familia"-Verbände waren von Seiten der Herren wenig erwünscht. Diese haben die Zustimmung jedoch erteilt, wenn Abmachungen darüber zustande kamen, welchem Verband die Kinder aus solchen Familien angehören sollten. Gelegentlich wurde auch durch Verträge zwischen den Herren vereinbart, dass die Kinder aus den Ehen Unfreier aufgeteilt werden sollten, dass die Sohne dem Vater, die Töchter der Mutter folgten. Die unmittelbaren rechtlichen Wirkungen der persönlichen Unfreiheit wurden seit dem 13. Jh. stark reduziert; die enge Bindung der persönlich unfreien Leibeigenen an die „familia" eines weltlichen oder geistlichen Herrn lockerte sich deshalb. Besonders in den Gebieten der Rentengrundherrschaften waren die selbständig wirtschaftenden grundherrschaftlichen Bauern aus der früh- und hochmittelalterlichen „familia"-Bindung entlassen; hier gewann die Familie im engeren, verwandtschaftlich definierten Sinn größere Bedeutung.
Wegen der schwierigen und unsicheren Wirtschaftsführung der agrarischen Bevölkerung war die Existenz und das Überleben des Einzelnen nur in der Personengruppe der Familie (oder auch der zahlenmäßig größeren „familia") möglich; nur in der Gemeinschaft war das durch Klima und Wetter der Gesundheit von Mensch und Tier und dem Gedeihen der Feldfrüchte drohende Risiko zu tragen. Besondere Erschwernis brachten die Aufbauarbeiten bei der Kolonisation in den Ostgebieten oder bei den Rodungen in den Altsiedelländern.

Ziemlich ausschließlich Sache der Familie war die Erziehung und Ausbildung der Kinder und Heranwachsenden; die wenigen Schulen erreichten nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Eine gewisse Besserung brachte erst die Entwicklung des städtischen Schulwesens; es vermittelte Bildung an Bevölkerungsschichten, deren Familien sich bis dahin auf einem niedrigen Bildungsniveau befunden hatten. Die Berufsausbildung für die Arbeit in der Landwirtschaft oder im Handwerk leistete in hochmittelalterlicher Zeit ebenfalls die Familie; mit dem Aufschwung des städtischen Handwerks seit dem 13. Jh. fand die Handwerkerausbildung der Meistersöhne häufig in anderen Familien statt.

Außerordentlich wichtig war der Familienverband für die Versorgung von kranken, arbeitsunfähigen oder invaliden Angehörigen, die nur im Kreis der Familienmitglieder Obdach, Nahrung und Pflege erhielten. In den spätmittelalterlichen Städten entstanden für die Versorgung der Alten und Arbeitsunfähigen spezielle Stiftungseinrichtungen, die Spitäler. Dies zeigt an, dass die Familien diese Aufgaben auf die Dauer nicht mehr erfüllen konnten und dass deshalb andere Formen der Hilfeleistung gefunden werden mussten.
Die Bildung der Familien war von der Eheschließung abhängig. Ehen kamen meist nur dann zustande, wenn die Partner demselben Geburtsstand angehörten. Dementsprechend waren auch die Familien nach Standesschichten gegliedert. Die Familien achteten darauf, dass nur standesgemäße Ehen geschlossen wurden.

© 18.08.2017