Das Mittelalter

Die Frau im Mittelalter

Die soziale Stellung der Frau im Mittelalter ist geprägt von der durch die Kirche beeinflußten Lebensordnung, die einerseits das weibliche Geschlecht von den wichtigen Funktionen innerhalb der Kirche ausschloß nach dem Grundsatz „mulieres in ecclesiis taceant" (i. Kor. 14,34) und Gehorsam und Unterordnung unter den Mann forderte (Gen. 3,16), andererseits aber auch der Frau als der Geschlechtsgenossin Mariens, der Gottesmutter, eine herausgehobene Position einräumte. Der Marienkult hat dem höfisch-ritterlichen Frauendienst Impulse verliehen. Der Dienst für die adelige Dame in der ritterlichen Gesellschaft beruhte auf der Vorstellung von der Überlegenheit der Frau über den Mann. Er fand Ausdruck im ritterlichen Minnedienst, der in der adeligen Oberschicht gesellschaftlichen Spielcharakter hatte und das Beziehungssystem zwischen Dame und Ritter geistig und erotisch prägte.

Die soziale Stellung der Frauen innerhalb der bäuerlichen und handwerklichen Unterschichten ist schwer faßbar. Die schriftlichen Quellen, die nahezu ausschließlich von Männern geschrieben wurden, geben darüber wenig Auskunft. Das wichtigste Wirkungsfeld der Frau war die Familie. Das war grundsätzlich bei allen Ständen der Fall.

Besser als die soziale Stellung der Frau ist deren rechtliche Position im Mittelalter dokumentiert. Seit dem Frühmittelalter unterstanden die Frauen der sogenannten Geschlechtsvormundschaft, weil sie von Natur aus nicht waffen- und wehrfähig waren. Darum besaßen sie keine volle Rechts- und Handlungsfähigkeit. Bei freien Frauen übte die Vormundschaft der Vater, nach der Eheschließung der Ehemann. Besser gestellt war die Witwe, da sie nach dem Tod des Gatten von dessen Vormundschaft frei wurde, aber nicht unter die Munt des Vaters oder eines männlichen Verwandten zurückkehrte. Die Witwe konnte über Mitgift, Morgengabe und Wittum und über das vom Ehemann ererbte Vermögen verfügen und sie konnte auch selbständig über eine Wiederverheiratung entscheiden („Selbstverlobungsrecht").

Die Handlungsfähigkeit der Frau im rechtlichen Bereich erweiterte sich dadurch. Die Witwen standen wie auch die Waisen unter dem speziellen Friedensschutz des Königs; auch dies hat die Position der Frau im Rechtsleben gestärkt. In den höheren Adelskreisen, insbesondere in den Familien, die zu Königs- und Fürstendynastien aufstiegen, haben verwitwete Frauen mitunter wichtige politische Positionen eingenommen und höchst einflußreich gewirkt, so etwa die Kaiserinwitwen Theophanu (gest. 991), Adelheid (gest. 999), Agnes (gest. 1077), Konstanze (gest. 1198) oder die Markgräfin Mathilde von Tuszien (gest. 1115).

Frauen erhielten bei der Eheschließung, mit der sie aus der väterlichen Familie ausschieden, eine Aussteuer (Mitgift), die auch als Abfindung von Erbansprüchen galt. Deshalb kamen verheiratete Frauen bei Erbteilungen nach dem Tod des Vaters für eine Erbfolge nur dann in Frage, wenn der Erblasser keine Söhne hatte. Diese agnatische Erbfolgeordnung, die auch die unverheirateten Töchter des Erblassers ausschloß, hat sich beim fürstlichen Hochadel bis in die Neuzeit erhalten.

Wie im Erbrecht waren Frauen auch im Lehenrecht und im Prozeß vor Gericht benachteiligt. Frauen waren grundsätzlich nicht lehensfähig; sie hatten keinen Platz in der Heerschildordnung. Als schließlich seit dem Spätmittelalter auch Frauen Lehengüter erhalten konnten, mußten sie bei der Leistung der Lehenspflicht einen männlichen Lehensträger einschalten. Vor Gericht waren Frauen benachteiligt, weil sie als eidesunfähig galten. Da im Früh- und Hochmittelalter der Formaleid im Prozeßrecht große Bedeutung hatte, Frauen diesen aber nicht leisten konnten, mußten sie sich häufiger als Männer dem Verfahren eines Gottesurteils unterziehen.

Die spätmittelalterlichen Stadtrechte kennen solche rechtlichen Beschränkungen von Frauen, die im Geschäftsleben standen, nicht mehr, so daß die bürgerlichen Frauen, wenn sie ein eigenes Geschäft betrieben, in rechtlicher Hinsicht nicht mehr sehr viel schlechter gestellt waren als die männlichen Bürger.
In den hochmittelalterlichen Haus- und Hofverbänden lebten unfreie Frauen, die mit unfreien Männern in gültiger Ehe verheiratet waren. Beide Partner unterstanden der personenrechtlichen Herrschaft des Herrn. Wie der Mann war auch die unfreie Frau in der Freizügigkeit und in der Gattenwahl beschränkt. In den Grundherrschaften, die sich aus den Fronhofsverbänden entwickelten, konnten Frauen als Hintersassen Leihegüter selbständig bewirtschaften. Die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Frau besserte sich auf diese Weise auch im ländlich-agrarischen Bereich.Unverheiratete Frauen hatten wenig Möglichkeiten, selbständige Positionen zu erlangen. Mithilfe in der Land- und Hauswirtschaft sowie Arbeiten im Textilgewerbe (Spinnen, Wirken, Stricken o.a.) bildeten das Berufsumfeld.

Die Bildungsmöglichkeiten für Frauen waren sehr beschränkt. Weltliche Schulen, die auch Mädchen besuchen konnten, entstanden erst in den Städten seit dem 13. Jh. Für unverheiratete Frauen bot der Eintritt in einen Orden Gelegenheit zu geistlich-geistiger Betätigung. Verschiedene Kanonissenstifte und Benediktinerinnenklöster waren schon seit spätkarolingischer Zeit geistige, künstlerische und kunsthandwerkliche Zentren ersten Ranges. Auch die meisten Reformorden des Hoch- und Spätmittelalters errichteten Frauengemeinschaften, die sich häufig karitativen Aufgaben zuwandten und Bildungsaufgaben, besonders in der Mädchenerziehung, übernahmen.

© 13.12.2017