Das Mittelalter

Papst Alexander VI. teilt die Welt zwischen Spanien und Portugal auf.

von Jochen R Klicker

Als Kolumbus 1492 Amerika entdeckt, ist klar, dass sich nicht nur die weltlichen Herrscher Europas neu orientieren müssen, sondern auch die geistlich-weltliche Macht vor ganz neuen Herausforderungen steht: die römisch-katholische Kirche.

"Der Papst müsste froh sein, dass er die Last und Verantwortung, die sich ihm mit den neuen Entdeckungen eröffneten und die zu tragen ihm unter den damals obwaltenden Umständen unmöglich erscheinen musste, wenn er sie überhaupt zu würdigen verstand, auf andere Schultern übertragen konnte."

Nämlich auf die Schultern der beiden Majestäten Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon, die schon "die Katholischen" heißen. Und die nun von Papst Alexander mit einem noch würdigeren Titel versehen werden:

Vikar und Vikarin Christi.

Wir schreiben das Jahr des Herrn 1493 ... oder das Jahr 1 nach der abendländischen Zeitenwende.

Das Jahr 1 nach der Entdeckung der Neuen Welt. Das Jahr 1 nach dem Ende des letzten islamischen Staates auf spanischem Boden. Das Jahr 1 nach der Inquisitionsfrage an die iberische Judenheit:

Zwangstaufe oder Feuertod?

Was Papst Alexander anfangs nicht so recht einzuschätzen weiß, das ist die Größe der Aufgabe, die Kolumbus aus seinem vermeintlichen Indien im Jahr zuvor mitgebracht hat: nämlich die der Missionierung beziehungsweise der Christianisierung der Welt hinter dem Atlantik. Auf vieles andere mag die Kirche von Rom eingestellt sein, nur auf die drastische Vergrößerung ihrer Klientel nicht. Aus diesem Grund bestimmt Papst Alexander VI. die Katholischen Könige dazu,

"dass sie in Seinem Namen die Mission der Heiden und die Stiftung und Ausstattung der Kirchen, ja überhaupt die Sorge für das geistliche Wohl der Menschen in jenen überseeischen Entdeckungen übernehmen."

Die Aufgaben, die der Papst dem spanischen Staat überträgt und in insgesamt fünf päpstlichen Bullen über das Jahr 1494 hinweg präzisiert, unterscheiden sich grundsätzlich von denen, die zuvor schon das portugiesische Königshaus bekommen hat. Denn beide Reiche haben ziemlich unterschiedliche Ziele für ihre Weltpolitik. Portugal geht es um maritime Expansion mit überwiegend kommerziellen Absichten:

"Portugal nimmt zunächst die unbesiedelten atlantischen Inselarchipele in Besitz und kolonisiert sie nach dem Vorbild der eigenen Landwirtschaftstradition; darüber hinaus errichtet es entlang der schwarzafrikanischen Küsten feste Stützpunkte, von denen aus im Einvernehmen mit den ortsansässigen afrikanischen Herrschern Tauschhandel getrieben wird, ohne an deren Unterwerfung zu denken."

Demgegenüber hat Spaniens Expansionsdrang ganz andere Gründe, wenn man mal von der Suche nach Eldorado - dem Land mit unerschöpflichen Goldvorräten - absieht. Den Spaniern geht es um die Kolonisierung derer, die auf den Inseln und Festländern jenseits der Azoren schon siedeln - nach dem Modell des Anschlusses der Kanarischen Inseln an das spanische Reich.

"Bei der vollständigen Eroberung und Kolonisierung der Kanaren macht Kastilien erste Erfahrungen mit der Integration der eingeborenen Bevölkerung in ein nach kastilischem Vorbild geprägtes Gemeinwesen. Diese auf den Inseln erworbenen Erfahrungen werden denn auch bald als Vorbild für die Vorgehensweise in Amerika dienen. Dabei verfolgt die Krone das Ziel, die Eingeborenen durch Bekehrung zum Christentum zu nützlichen Untertanen der Krone zu machen..."

So unterschiedlich die Kolonialpolitik der Spanier und der Portugiesen ist - der Papst vertraut darauf, dass beide Mächte die neue Welt in christlichem Sinne ordnen werden. Daher teilt er ein Jahr nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus die Welt in eine spanische und eine portugiesische Einflusszone auf. Der Strich, den der Papst als Demarkationslinie von Norden nach Süden in die Karten der westlichen Ozeane einzeichnen lässt, verläuft nur hundert Seemeilen westlich der Azoren - mitten im Atlantischen Ozean. Wäre es dabei geblieben, hätten die Portugiesen praktisch nur Wasser zugewiesen bekommen - sie wären von der Eroberung und Ausbeutung ganz Amerikas ausgeschlossen geblieben. Aber die Verhandlungen in Tordesillas enden schließlich in einem Kompromiss: Die Grenze wird nicht hundert, sondern 370 Seemeilen westlich der Kapverdischen Inseln gezogen.

Damit verläuft die Linie, die die spanische von der portugiesischen Zone trennt, nach der heutigen Landkarte ungefähr entlang der Westgrenze Brasiliens. Das heißt: Spanien wird der Süden und Westen Südamerikas, ganz Mittelamerika und ganz Nordamerika zugewiesen - Portugal der Bereich des heutigen Brasilien.

Dabei hat der Papst kaum eine Ahnung, welches Gebiet er da zuteilt - denn die neue Welt ist sowohl dem Papst als auch Spaniern und Portugiesen noch fast völlig unbekannt - selbst die Existenz Nordamerikas. Deshalb ahnen weder Rom noch Madrid noch Lissabon, welche riesigen Territorien hinter dem großen Wasser verteilt werden. Erst als sich ein Jahrzehnt später portugiesische und spanische Seefahrer auf den Weg machen, ändert sich dies grundlegend: Erst die Seefahrten des frühen 16. Jahrhunderts machen klar, dass die neue Welt unverhältnismäßig größer ist als die alte europäische Welt. Mit welcher Chuzpe die Mächtigen im kleinen Europa die völlig neuen Territorien unter sich aufteilten, bevor sie sie auch nur ansatzweise kannten: das ist bis heute das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Geschichte zu Beginn der Neuzeit.

© 18.08.2017