Das Mittelalter

Nostradamus geboren

von Brunno Preisendörfer

Er soll die Französische Revolution und den Ersten Weltkrieg vorhergesagt haben, die Attentate auf Lincoln und Kennedy, die Kuba-Krise, den Untergang der Sowjetunion und - wie könnte es anders sein: die Anschläge auf das World Trade Center. Ein Unheilsprophet, dessen Vorhersagen bis ins Jahr 3797 reichen. Worin besteht das Geheimnis des Nostradamus, der seit einem halben Jahrtausend gleichermaßen schroffste Ablehnung und glühendste Verehrung auf sich zieht? War er ein raunender Dunkelmann - oder doch ein Hellseher?

Ich sehe wie in einem brennenden Spiegel, wie durch umnebelte Visionen, die großen traurigen Ereignisse, die ungeheuerlichen und Unheil bringenden Geschehnisse herannahen.

Das schrieb Nostradamus in einem Widmungsbrief an den französischen König Heinrich den Zweiten, für dessen Gemahlin Katharina von Medici er Horoskope erstellte. Seine Vorhersagen waren apokalyptische Orgien, sie beschworen Krankheiten und Kriege, Untergang und Gewalt. Sie schrieben die schrecklichsten Seiten der Geschichte in die Zukunft fort.

Es werden Streitigkeiten, Kriege und Schlachten vorfallen und es werden Städte, Flecken, Burgen und alle übrigen Gebäude verbrannt, zerstört, vernichtet werden mit großem Blutvergießen, und es werden Jungfrauen, Weiber und Witwen geschändet werden und Säuglinge gegen die Mauern der Städte geschleudert und zerschmettert werden, und so viel Unheil wird der höllische Fürst Satan anrichten, dass schier die ganze Welt zu Grunde geht.

Nostradamus hat wirklich in einen brennenden Spiegel gesehen, aber es war nicht der Spiegel der Zukunft, sondern der seiner Gegenwart. Geboren 1503, wuchs er als Michel de Nostredame in einer jüdischen Händlerfamilie in der Provence auf. Schon die Großeltern hatten sich taufen lassen, um Ausgrenzung und Benachteiligung zu entgehen. Seine gesamte Existenz ist geprägt von den gewaltigen Umbrüchen zu Beginn der Neuzeit. In Europa breitet sich der Protestantismus aus und wird von der römisch-katholischen Kirche mit dem wiederbelebten Instrument der Inquisition bekämpft. Auch weltliche Herren ringen um die Macht: Verträge werden geschlossen und gebrochen, Herzöge vergiftet, ganze Landstriche von Kriegstruppen geplündert. Außerdem rast der Schwarze Tod durch Europa und lässt von der Pest entvölkerte Städte zurück. Sogar die Erde selbst scheint aus der Bahn zu geraten. Im Jahr 1531 taucht der Halleysche Komet am Himmel auf, und im Jahr 1543 behauptet Kopernikus, die Erde sei nicht das Zentrum des Kosmos, sondern umkreise die Sonne. Nirgendwo Sicherheit, überall Angst.

Das Recht wird übertreten werden, es wird Plünderungen geben, Entführungen, Eidbrüche, Schikanen, Unglück, Störungen, waghalsige Unternehmungen, leichtsinnige Aufschübe und leichtgläubige Haltungen.

Nach seinem Medizinstudium in Montpellier latinisierte Michel de Nostredame, einer Humanistenmode folgend, seinen Namen zu Nostradamus. Durch erfolgreiche Behandlungen der Pest kam er zu lokalem Ruhm. Von den Übertragungswegen der Pest war damals nur wenig bekannt. Man scheute den Atem der Kranken, im Falle der Lungenpest zu Recht, ging aber mit Eiter, Kot und Blut ziemlich sorglos um, mit fatalen Folgen bei der Beulenpest. Nostradamus lehnte den damals gängigen Aderlass ab. So ersparte er seinen Patienten die zusätzliche Schwächung und sich selbst den Kontakt mit infizierten Körpersäften. Vermutlich erklärt das seinen Erfolg und sein Überleben etlicher Epidemien. Allerdings verlor er 1537/38 seine erste Frau und sämtliche Kinder an die Seuche. Zehn Jahre später heiratete er eine reiche Witwe im Provinzstädtchen Salon und zog sich ins Privatleben zurück. Weitere drei Jahre später erschien sein erster Jahresalmanach mit Vorhersagen. Weitere folgten, und 1555 erschien der erste Band seines Hauptwerkes, der sogenannten "Zenturien" - eine Sammlung schwer deutbarer Vorhersagen in jeweils hundert Strophen.

All diese Darstellungen stimmen in Verbindung der Heiligen Schriften und der sichtbaren Himmelsdinge trefflich überein, nämlich mit Saturn und Mars und den Übrigen im Bunde.

Die Planeten Uranus, Neptun und Pluto erwähnt Nostradamus nicht. Sie wurden lange nach seinem Tod entdeckt, Pluto sogar erst im Jahr 1930 - und das konnte der Seher ja nicht wissen.

Wenn Saturn und Mars zusammen verbrannt werden, wird die Luft sehr trocken sein.

Nostradamus war nicht der einzige, der sich mit Zukunftsvisionen befasste. Prognostische Flugblätter und Almanache waren in jener Zeit Mode, auch heutzutage darf das "persönliche Horoskop" schließlich in keiner Massenillustrierten fehlen. Die "Zenturien" des Nostradamus hatten ihren großen Erfolg nicht deshalb, weil sie einmalig gewesen wären, sondern wegen ihrer poetischen Indifferenz. Und natürlich wegen der Gönnerschaft der Katharina von Medici, die ihn am Pariser Hof empfing und dann sogar in Salon aufsuchte, zwei Jahre vor seinem Tod. Nostradamus starb am 2. Juli 1566, nachdem er in weiser Voraussicht sein Testament gemacht hatte. Die Inschrift auf der Marmorplatte seines Grabmals in der Laurentius-Kirche von Salon lautet:

Er allein ward unter allen Sterblichen für Wert befunden, unter dem Einfluss der Sterne mit geradezu göttlich inspirierter Feder vom künftigen Geschehen der ganzen Welt zu künden.

Daran glauben viele Nostradamiker heute noch. Aber auch die Eifrigsten unter ihnen müssen zugeben, dass sie die Vorhersagen immer erst hinterher erkennen, wenn die Ereignisse eingetreten sind, wenn sich, wie Skeptiker sagen, die neuen Ereignisse in die alten Schriften hineininterpretieren und wieder herauslesen lassen. Die Seher der Zukunft blicken stets zurück in die Vergangenheit. Wer weiß - vielleicht müssen sie deshalb in Dantes "Hölle" mit auf den Rücken gekehrten Gesichtern herumlaufen.

© 17.10.2017