Das Mittelalter

Heinrich VIII. wird König von England

von Karl Friedrich Gründler

Am 22. April 1509, bekam England einen neuen König - einen gewieften Taktiker, der es verstand, geschickt mit den Mächtigen in Europa und im eigenen Land umzugehen. Doch sein Name hat unter geschichtsbewussten Menschen keinen guten Klang: Heinrich VIII.; über ihn heißt es in einem alten englischen Kinderreim (in deutscher Übersetzung): "Der grobe Heinrich VIII. war mit sechs Frauen verheiratet: Eine starb, eine überlebte, von zweien ließ er sich scheiden, zwei ließ er köpfen." Als grausamer "König Blaubart" ist Heinrich VIII. in Geschichte und Literatur eingegangen. Als er am 22. April 1509 zum König von England ausgerufen wurde, weckte er allerdings hohe Erwartungen.

Der Himmel lacht, und die Erde freut sich; alles ist voller Milch, Honig und Nektar. Die Habgier hat das Land verlassen. Unser König sucht nicht Gold oder Edelsteine oder kostbare Metalle, sondern Tugend, Ruhm und Unsterblichkeit.

Das schreibt der Gelehrte Lord Montjoy angesichts der Thronbesteigung des knapp 18jährigen Heinrich VIII. und der Botschafter Venedigs berichtet an die Dogen:

Er besitzt viele Talente, ist ein guter Musiker, komponiert sehr artig, ist ein hervorragender Reiter, ein geschickter Fechter, spricht gut Französisch, Latein und Spanisch.

Sein Vater Heinrich VII. galt bei den Zeitgenossen als Geizkragen, der Steuern unerbittlich eintreiben ließ und sparsam wirtschaftete. Am Hof des Sohnes wird dagegen gern gefeiert, wie die frischgebackene Königin Katharina in einem Brief schreibt:

Das Leben am Hofe ist ein immerwährendes Fest, Maskeraden und Komödie, Lanzenstechen und Turniere, Konzerte Tag und Nacht.

Heinrich VIII. träumt von der Krone Frankreichs. Und kommt bei seinem ersten Feldzug auf dem Festland 1513 nur wenige Dörfer weit, weil er von seinem Schwiegervater, König Ferdinand von Spanien, im Stich gelassen wird. So überlässt er per Friedensvertrag dem greisen König Ludwig von Frankreich seine Schwester Mary gegen das Versprechen üppiger Geldzahlungen. Denn die Ressourcen Englands sind zu gering, um gleichberechtigt neben den Großmächten Europas aufzutreten. Der französische Adlige Martin Du Bellay notiert in seinen Memoiren,

dass letztlich in der Gleichheit zwischen dem König von Frankreich und dem Kaiser das Glück und der Ruhm Englands bestand, da es hierdurch versichert war, stets von beiden Seiten gleicherweise gesucht zu sein und der Schiedsrichter in Europa zu bleiben.

Thomas Wolsey, Lordkanzler und Chefdiplomat von Heinrich VIII., zimmert in jahrelangen, zähen Verhandlungen das erste kollektive Sicherheitssystem für Europa. Im Vertrag von London 1518 verpflichten sich der Kaiser, Frankreich, Spanien, England, der Papst und 15 weitere Partnerstaaten, jeden Vertragsbrüchigen mit einem kollektiven Gegenschlag zu bestrafen. Infolge der Konkurrenz zwischen Kaiser Karl V. und dem neuen, französischen König Franz I. hält das Vertragswerk allerdings nur ganze drei Jahre.
1527 gibt es für Heinrich VIII. neue Sorgen. Nach mehreren Fehlgeburten von Königin Katharina schwinden die Aussichten auf einen männlichen Thronfolger. Und der König verliebt sich in die zierliche, intelligente Grafentochter Anna Boleyn. Er schreibt an sie:

Die Beweise Deiner Zuneigung sind von solcher Art, die schönen Worte der Briefe so herzlich abgefasst, das dies mich auf immer und wirklich verpflichtete, Dich zu ehren, zu lieben und dir zu dienen, und ich flehe Dich an, in derselben Weise ...fortfahren zu wollen.

Um Anna Boleyn heiraten zu können, benötigt er die päpstliche Annullierung der Ehe mit Katharina. Das Kirchenoberhaupt aber ist Gefangener des Kaisers, dessen Truppen gerade Rom geplündert haben. Und Kaiser Karl V. ist Neffe von Königin Katharina. In dieser Konstellation versagen die diplomatischen Künste von Thomas Wolsey. Als Sündenbock wird er wegen Hochverrats verhaftet und stirbt noch vor Prozessbeginn.
Heinrich heiratet Anna Boleyn, die inzwischen schwanger ist, und erklärt sich kurzerhand als unabhängig von päpstlichen Direktiven. Er übernimmt selbst die Oberhoheit über die englische Kirche und nennt sich jetzt...

Heinrich VIII, von Gottes Gnaden König von England und Frankreich, Verteidiger des Glaubens und Herr von Irland und auf Erden Oberstes Haupt der Anglikanischen Kirche.

Wer ihm die unbedingte Gefolgschaft verweigert, wie Bischof John Fisher oder der Humanist Thomas Morus, wird gnadenlos im Tower hingerichtet.
Thomas Cromwell, der starke Mann im Kronrat, ist jahrelang damit beschäftigt, in Hunderten Klöstern Kirchengut für den König einzuziehen und Reliquien zu vernichten. Sogar den Schrein der hl. Thomas von Canterbury lässt er plündern und seine Knochen anklagen. Im Urteil heißt es:

Er darf in Zukunft niemals mehr Märtyrer genannt werden, seine Gebeine sollen weggenommen und öffentlich verbrannt und die Schätze seines Schreines zugunsten des Königs beschlagnahmt werden.

Thomas Cromwell selbst wird 1540 nach einer Intrige aus dem Hochadel wegen angeblicher Ketzerei ohne Prozess hingerichtet. Königin Anna Boleyn erleidet dieses Schicksal ebenso wegen vorgeblichen Ehebruchs wie die fünfte Ehefrau des Königs, Catherine Howard, nach tatsächlicher Untreue.
Gegen Ende seiner Herrschaft sucht Heinrich VIII. noch einmal den Krieg gegen Frankreich. Mit großem Aufwand zieht er vor die Festung Boulogne und erobert sie. Da Kaiser Karl V. den gemeinsamen Feldzug ohne Absprache abbricht, muss der englische Admiral Lord Russell feststellen:

Ich habe den König vier verschiedene Reisen nach Frankreich machen sehen... und doch besitzt er nicht einen Fußbreit mehr als vor vierzig Jahren. Und falls wir so weiter wandern...und so viel verschleudern auf Kosten des Königs, dann kann das nur wenig zur Ehre Seiner Hoheit beitragen.

Die immensen Kosten dieses Feldzuges führen in England zur Zerrüttung der Staatsfinanzen und einer enormen Inflation. Die wichtigsten Probleme des Landes, die religiösen Gegensätze und der Konflikt mit Frankreich, bleiben in der Regierungszeit von Heinrich VIII. ungelöst.

Literatur:
Geoffrey R. Elton "England unter den Tudors" München 1983
Uwe Baumann "Heinrich VIII. Reinbek 1991
"Heinrich VIII. von England in Augenzeugenberichten" Düsseldorf 1969
"Englische Könige und Königinnen" Hrsg. Peter Wende München 1998

© 13.12.2017