Das Mittelalter

Die Bannbulle des Papstes

Die Bannbulle des Papstes verursacht das große Schisma der katholischen Kirche
Von Michael Hollenbach

Es war die erste große und folgenschwere Kirchenspaltung: vor 950 Jahren trennte sich die oströmisch-orthodoxe Kirche von der weströmischen Kirche des Papstes. Dieses Schisma ist bis heute nicht überwunden, nur mühsam kommt ein Austausch zwischen der orthodoxen und der Papstkirche in Gang. Auslöser der großen Kirchenspaltung zwischen Ost und West war eine Bulle des Papstes, mit der er am 16. Juli 1054 den Patriarchen von Konstantinopel bannte.

Kardinal Humbert von Silva Candida war so ziemlich die schlechteste Wahl, die Papst Leo IX. treffen konnte, als er einen Legaten nach Konstantinopel entsandte. Die Lage war verfahren:

Die Normannen waren in Süditalien eingefallen, hatten sowohl das päpstliche Heer als auch die byzantinischen Truppen besiegt. In dieser Situation suchte der geschwächte Papst eine stärkere Anbindung an den byzantinischen Kaiser Konstantinos IX. Monomachus. Das wiederum behagte dem Patriarchen von Konstantinopel, Michael I. Kerullarios, überhaupt nicht. Wohl nicht zu Unrecht witterte er päpstliche Machtgelüste gegenüber den östlichen Patriarchaten.

Vor diesem Hintergrund entsandte Papst Leo IX. den als Griechenfeind berüchtigten Kardinal Humbert nach Konstantinopel. Und der kam mit einer langen Liste von angeblichen Verfehlungen in die Stadt am Bosporus, die er den - wie er ihn nannte - "Pseudopatriarchen Michael" vorhielt. Anastasios Kallis, emeritierter Professor für orthodoxe Theologie:

Der Kardinal Humbert von Silva Candida hat schon vorher in einem Schreiben den Griechen 99 Häresien vorgeworfen, (....) , dazu gehört auch der Vorwurf, die Orthodoxen hätten das filioque aus dem Glaubensbekenntnis gestrichen, das ist ja wohl absurd.

Der Einschub des "filioque" in das lateinische Glaubensbekenntnis enthielt theologischen Zündstoff, ging es doch letztlich um das Geheimnis Gottes: nämlich um die Frage, ob der Heilige Geist nur aus Gott oder aus dem Vater und dem Sohn hervorgehe. Die Römer hatten damals erst 40 Jahre zuvor - sozusagen im Alleingang - den Sohn, also das filioque, mit ins Glaubensbekenntnis gehievt, nun bezeichneten sie die Orthodoxen als Häretiker, nur weil die dem römischen Diktat nicht folgen wollten.

Aber die 99 angeblichen Häresien enthielten noch mehr Zündstoff: Dem Patriarchen von Konstantinopel wurde Simonie vorgeworfen, also der Verkauf geistlicher Ämter, außerdem befürworte er die Priesterehe und die Kastration und er verweigere rasierten Männern, die keine orthodoxen Bärte tragen würden, die Kirchengemeinschaft.

Das waren nur einige der haltlosen Vorwürfe, die dann in der Bannbulle gegen Patriarch Michael Kerullarios und seine Gefolgsleute gipfelten. Die Bannbulle hinterlegte Kardinal Humbert auf dem Altar der Hagia Sophia in Konstantinopel. Doch der theologische Disput war nur eine Nebelkerze, meint Anastasios Kallis, der auch Vorsitzender der Kommission der orthodoxen Kirchen in Deutschland ist:

Die Theologie hat bei der ganzen Auseinandersetzung eine nachträgliche Rolle gespielt, und dort, wo es andere Auseinandersetzungen gab, hat sie die theologischen Gründe nachgeliefert.

Im Kern ging es um die Machtverteilung innerhalb der Kirche, sagt auch Thomas Bremer, Professor für Ostkirchenkunde der Universität Münster. Die Kirchenstruktur umfasste fünf Säulen; die Patriarchate von Rom, Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem.

Es gab eine Art von geregeltem Zusammenleben zwischen den Patriarchaten, und dem westlichen Patriarchat, dem Papst; im Verlauf des ersten Jahrtausends ist es in den letzten Jahrhunderten immer öfter zu Spannungen darüber gekommen, wie weit die Rechte des Papstes gehen und wie weit sie sich auf den Osten beziehen. (-) es ist ein Konflikt zwischen zwei Konzeptionen darüber, was Kirche ist.

Entweder mehr oder weniger gleichberechtigte Patriarchaten sollten für ihr jeweiliges Gebiet selbst zuständig sein - oder, die römische Variante: es sollte eine hierarchische Gliederung geben, die später in der Unfehlbarkeit des Papstes gipfelte.

Rom wollte sich nicht in diese Reihe einordnen, sondern über die vier anderen herrschen, das haben sich die anderen nicht gefallen lassen; von daher immer wieder das Gerede, die Ostkirche habe sich von der Kirche getrennt, ist eine schiefe Bezeichnung, als in der Gemeinschaft der fünf der eine den eigenen Weg geht, die anderen vier dabei bleiben bis heute.

Die orthodoxe Synode in Konstantinopel reagierte auf die Bannbulle des Papstes mit einem Anathema, einem Bann gegen die päpstliche Gesandtschaft Humberts. Formell bedeutete dies keineswegs ein Schisma, eine Spaltung der Kirche, denn gebannt worden waren nur einzelne Personen. Außerdem war der Bann von Kardinal Humbert eigentlich gar nicht rechtskräftig, da nach dem Tod von Papst Leo IX. der päpstliche Auftrag des Kardinals erloschen war. Dennoch führten die Folgen der Bannbulle dazu, dass die Kirche in Ost und West getrennte Wege gingen- und der 16. Juli 1054 gilt heute als Beginn der Spaltung der christlichen Kirche. Anastasios Kallis sieht die Anfänge der Auseinanderentwicklung aber viel früher:

Mit Karl dem Großen beginnt eine ganz neue Machtkonstellation, und die Kaiserkrönung Karls des Großen 800 war aus der Sicht der Byzantiner (...) eine Rebellion, eine Usurpation, denn den römischen Kaiser gab es ja, aber am Bosporus und nicht hier im Westen, (...) das ist eine Neuverteilung der Machtkonstellation und diese Machtkonstellation strukturiert sich in eine Auseinandersetzung zwischen West- und Osteuropa.

Erst 1965 unter Papst Paul VI. und dem Patriarchen Athenagoras von Konstantinopel kam es zu einer ersten Annäherung: beide bedauerten "die grundlosen Vorwürfe, die verwerflichen Handlungen und die Bannsprüche von 1054". In den 80er Jahren wurde eine internationale ökumenische Kommission etabliert, die den Dialog der Orthodoxen und der Katholiken forcierte. Doch nach dem Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion hat sich das Klima in den vergangenen zehn Jahren erheblich abgekühlt. Der Vatikan hat Diözesen in Russland gegründet, um die katholische Variante des Christentums auch im Osten zu verbreitern; die orthodoxe Kirche empfindet das als eine feindliche Missionierung auf ihrem Territorium. Anastasios Kallis fühlt sich manchmal an die Zeit vor tausend Jahren erinnert:

Mit einmal reden die nebeneinander und handeln nicht gemeinsam, und das ist wieder etwas, was zerschlagen wird, diese Basis des Vertrauens, was sehr mühsam aufgebaut worden war, die sind dabei, die Basis zu zerschlagen und wenn sie die zerschlagen haben, dann haben wir ein gewaltiges Problem.

© 17.10.2017