Das Mittelalter

Bernhard von Clairvaux gestorben

von Jaga Stawny

"Der Mensch hat sich von Gott entfremdet und soll zu ihm, und damit zu seinem eigenen tiefsten Wesen, zurückkehren. (…)

Bernhard von Clairvaux. Als 21jähriger tritt der Sohn einer französischen Adelsfamilie in das Kloster von Cîteaux ein, nahe Dijon. Auch vier seiner fünf leiblichen Brüder sind dabei. Wenige Jahre zuvor hat dort eine Gruppe von Benediktinermönchen den Zisterzienser-Orden gegründet. Nach nur 3 Jahren wird er Gründerabt des neuen Klosters Clairvaux. Der französische Name leitet sich vom lateinischen Clara Vallis ab: leuchtendes Tal. Unter Bernhards Führung entwickelt sich die anfangs kärgliche Abtei Clairvaux zum bedeutendsten Zentrum der Zisterzienser und zum Mittelpunkt des mittelalterlichen Geisteslebens. Bernhard predigt die Liebe zu Gott als höchstes Ziel und fördert unermüdlich die Verehrung Marias, der Schutzpatronin der Zisterzienser. Sein asketisches Leben in Armut und Demut soll an das Leben Jesu erinnern.

Bernhard ist ein spiritueller Mensch und ein Mann der Tat. "Ora et labora" lautet die wichtigste Regel der Zisterzienser: bete und arbeite. Strenge Askese, körperliche Arbeit, Nächstenliebe prägen das Leben des Ordens. Mit Waldrodungen und der Trockenlegung von Sümpfen tragen die Ordensbrüder - mit Hilfe von zahlreichen Laienbrüdern - zur Urbarmachung von unfruchtbarem Land bei; sie steigern die Getreide- und Wollproduktion. Über 300 Zisterzienser-Abteien entstehen zu Lebzeiten Bernhards von Clairvaux, über 700 werden es am Ende des Mittelalters sein. Mit seinem Charisma, seiner Bildung, seiner Energie und Strenge macht Bernhard von Clairvaux den Orden zu einer Art "global player" in der kirchlichen Welt des mittelalterlichen Europa.

Durch Vervielfältigung von Handschriften in ihren Bibliotheken bereichern die Brüder in weißen oder grauen Kutten das geistige Leben ihrer Epoche. Bernhard selbst ist Verfasser lehrreicher Schriften und Briefe zur Frömmigkeit und Nächstenliebe. Seine Gott und Maria preisenden Hymnen werden zum Teil heute noch in katholischen und protestantischen Gottesdiensten gesungen.

1128 betritt Bernhard die politisch-kirchliche Bühne Europas - als Sekretär auf dem Konzil von Troyes. Ihm wird die Gründung des Templerordens zugeschrieben, dessen kirchliche Anerkennung er im selben Jahr erwirkt. Sein Ansehen als Prediger wächst unaufhaltsam, nicht nur in kirchlichen Kreisen. Obwohl er den Prunk gotischen Kirchenlebens stets aufs schärfste kritisiert.

Wozu die übermäßig hohen, übertrieben langen, sinnlos breiten, verschwenderisch verzierten Kirchen und Klöster. Warum diese albernen Fratzen (…), wilde Löwen (…), kämpfende Ritter - Gott! Wenn man schon keine Scham empfindet, warum scheut man nicht wenigstens die Kosten!

Sein Mystizismus und seine flammenden Predigten verschaffen ihm enormen politischen Einfluss: Er vermittelt im Streit zwischen dem Papst und dem Kaiser. Bischöfe und Könige vieler Länder tauschen Briefe mit dem hochgebildeten Kirchenmann. Angebliche Wundertaten und Predigten Bernhards ziehen Massen von Pilgern an. Dank seines Charismas wird er auf seinen Predigtreisen durch Frankreich, Deutschland, Italien und Flandern zum Star, aber er leidet auch darunter. Seine Erfolge und Triumphe stehen in Widerspruch zu seiner Demut. Mitunter fühlt er sich gezwungen, bei Nacht und Nebel seine Reisen inkognito fortzusetzen.

"Ich bin zerfleischt, man reißt mich in Stücke, ich kann nicht mehr…"

In Glaubensfragen ist Bernhard von Clairvaux von kompromissloser Härte. Er sorgt dafür, dass der Rationalismus eines Pierre Abélard in theologischen Ansichten auf dem Konzil zu Sens verworfen wird. Er verfolgt vermeintliche Ketzer als Feinde des Glaubens, ruft 1146 zum zweiten Kreuzzug auf und entfacht in Frankreich, Flandern und Deutschland Begeisterung für das Unternehmen. Das Scheitern des Kreuzzuges trifft Bernhard schwer - doch nicht wegen der 7 Millionen Opfer, die er gekostet haben soll. Gewalt im Namen Gottes hält Bernhard für gerechtfertigt.

Bei all dem ist er ein Zisterzienser, der nach den Idealen des Ordens lebt: in Gottesfurcht, Bescheidenheit und Demut. Bischof von Genua und Mailand zu werden, lehnt er ab. Bis zu seinem Tod in Clairvaux am 20. August 1153 bleibt er Abt seines Gründungsklosters. Es dauert nicht lange, dann wird Bernhard von Clairvaux heilig gesprochen - im Jahr 1174. Viel später, im Jahr 1830, wird er in der Heiligen-Hierarchie der Kirche noch einmal erhöht - er wird zum Doctor ecclesiae, zum Kirchenlehrer, ernannt.

© 18.08.2017