Das Mittelalter

Konstantinopel wird erobert

von Amselm Weidner

Europäische Stadt mit großer Vergangenheit: da denken wir sofort an Rom und Athen. Zu den europäischen Städten mit großer Geschichte gehört aber auch Istanbul. Als das Römische Reich unterging, stieg Byzanz - Konstantinopel - zum prachtvollen Zentrum des Oströmischen Reiches auf, das Jahrhunderte lang die politische und kulturelle Großmacht Europas war. Vor 800 Jahren jedoch, am 13. April 1204, passierte eine Katastrophe: Kreuzfahrer eroberten Konstantinopel und verwüsteten die Metropole auf barbarische Weise.

Reihen von Bogen auf Pfeilern aus Porphyr, Serpentin und jeglicher Art von Marmor steigen von der Erde zu vergoldeten Kapitellen auf, ... höher hinauf schweifend erreicht der Blick ... den Rand der Großen Kuppel, die nicht auf festem Mauerwerk zu ruhen, sondern gleichsam vom Himmel herabzuschweben scheint. ... Als der erste Schimmer des Frühlichts die dunkeln Schatten verjagend von Bogen zu Bogen sprang, da erhoben sich die Stimmen all der Fürsten und des Volkes ... und als sie zu den heiligen Höfen gelangten, schien es ihnen, als ob die mächtigen Bögen im Himmel gegründet wären.

Dann schildert der byzantinische Dichter Paulus Silentarius den Glanz und die Pracht der Neuweihefeier aus dem Jahr 537 der bis heute weitgehend so erhaltenen Hagia Sophia. Die Kirche der 'Heiligen Weisheit Christi‘ war nur eines der vielen prächtigen Bauwerke Konstantinopels.

Überall wuchsen, wie von einer unersättlichen, übernatürlichen Macht heraufbeschworen, Paläste, Kirchen, zahlreicher wie die Tage des Jahres, Bäder, Aquädukte, große Zisternen auf fein gedrechselten Säulen, neue Märkte, Häuser für Edelleute, ... Spitäler und Klöster empor. Die Pracht der ...Stadt, ihr Reichtum an Zieraten, an Marmor, Statuen und Mosaiken erfüllte jeden mit Staunen. ... Und überall, in den gewölbten Bazaren, auf den Sonnenlicht durchfluteten Plätzen... wimmelte es von Menschen. Die Griechen mit ihren seidenen und leinenen Röcken verschwanden beinahe in der Menge der Barabaren und Halbbarbaren, Bulgaren..., Russen..., Perser im Turban, nubische Neger, Ungarn, Chasaren, jüdische Händler..., Franken, Italiener und Pilger aus der ganzen christlichen Welt. ...'O Stadt, o Stadt, Königin aller Städte. O Stadt, du Herz der vier Enden der Welt! O Paradies, im Westen gepflanzt'.

So preisen zeitgenössische Historiker Konstantinopel, das in der Blütezeit seiner über tausendjährigen Existenz als Hauptstadt die damals unvorstellbare Zahl von bis zu einer Million Einwohner zählte. Von Konstantin dem Großen 330 gegründet war Konstantinopolis das 'neue Rom‘ des oströmischen Weltreiches Byzanz, nachdem Westrom unter Germanenstürmen untergegangen war - die Hauptstadt einer neuen christlichen Oikumene, die von Mesopotamien über die Levante bis nach Spanien reichte. - Und dann dies:

12. April 1204. Französische, deutsche und italienische Kreuzritter des 4. Kreuzzuges dringen in die byzantinische Metropole ein. Auf venezianischen Schiffen waren sie unter Führung des Dogen Enrico Dandola ins Marmara-Meer bis vor die Tore Konstantinopels gelangt und hatten nach zehnmonatiger Belagerung über eines der südlichen Stadttore von der Seeseite die als unbezwingbar geltenden Festungsanlagen am Goldenen Horn eingenommen. Fast 900 Jahre hatten sie unzähligen die Angriffen von Awaren, Seldchuken, Bulgaren oder Russen standgehalten. Jetzt waren die oströmischen christlichen Schwestern und Brüdern 20.000 Soldaten Christi hilflos ausgeliefert.

Die Plünderer drangen in alle Häuser ein, raubten was sie vorfanden, brandschatzten ... Seit die Welt besteht, hat es in keiner Stadt solch reiche Beute gegeben.

Das notiert der Kreuzzugsteilnehmer und -Chronist Geoffroy de Villehardouin, Marschall der Champagne, am 13. April 1204, dem Tag des Falls von Konstantinopel.

Da entlädt sich die Raubgier und auch die Mordlust einer Soldateska. Die Stadt war von der Militärführung dann für drei Tage den plündernden Soldaten freigegeben und die haben davon reichlich Gebrauch gemacht. Ganz Westeuropa zeugt noch davon, wie effektiv der Abtransport von Kunstschätzen usw. gewesen ist.

Dieter Roderich Reinsch, Professor für Byzantinistik an der Freien Universität Berlin. Der englische Historiker Edward Gibbon schätzt den Wert der 1204 aus Konstantinopel geraubten Kriegsbeute auf die siebenfache Summe der jährlichen Staatseinkünfte des industrialisierten England Ende des 19.Jahrhunderts - einschließlich der Einkünfte aus seinem kolonialen Weltreich! Während mit dem ersten Kreuzzug 1096 noch das Heilige Land, wie es damals hieß, 'befreit‘ werden sollte, gab es für die folgenden Kreuzzüge ganz andere Motive:

Etwa im goldenen Osten Land für sich zu gewinnen, diejenigen Feudalherren, die hier in Westeuropa nichts hatten, sahen für sich dort goldene Möglichkeiten. Es gab dann, ausschlaggebend v.a. für den 4. Kreuzzug, Handelsinteressen, die Handelsinteressen Venedigs. Es gab die Motivation des Papsttums, die orthodoxe Kirche wieder unter der Führung Roms zu einen.

Der 4. Kreuzzug wurde zu einem Vernichtungsfeld- und Beutezug von Christen gegen Christen. Dem alten venezianischen Dogen Dandola gelang es, Venedigs Hauptkonkurrenten, die Handels- und Seemacht Konstantinopel, auszuschalten. Bis zu seinem endgültigen Fall unter dem Ansturm der Türken 1453 existierte Konstantinopel nur noch als machtloser Kleinstaat weiter. Aber der 13. April 1204 bedeutete nicht nur das Ende der christlichen mediterranen Großmacht Byzanz.

Danach war das Misstrauen und der gegenseitige Hass zwischen Lateinern und Griechen so stark, dass es zu keiner Verständigung mehr kommen konnte. Wenn Sie etwa die heutige ökumenische Bewegung sehen, die Schwierigkeiten, die die orthodoxe Kirche mit der römisch-katholischen Kirche hat, mit dem Anspruch des Papstes, die hängen auch mit 1204 zusammen. Die Schwierigkeit, orthodoxe Länder in ihrem Selbstbewusstsein zu verstehen, von uns aus gesehen und umgekehrt, hängt sicher auch mit diesem Datum 1204 zusammen.

Im Grunde, so das vorherrschende Urteil der heutigen Geschichtsschreibung, zerschlugen die Kreuzfahrer 1204 für Jahrhunderte die Einheit Europas und des Christentums. So gehört die barbarische Eroberung und Verwüstung Konstantinopels 1204 zu den großen Katastrophen der Weltgeschichte.

© 13.12.2017