Das Mittelalter

Der Prager Fenstersturz

von Monika Köpcke

Der Prager Fenstersturz ist eines der großen geschichtlichen Ereignisse, die auch in den Schulbüchern stehen. Mit dem Prager Fenstersturz begann 1618 der Dreißigjährige Krieg. Weniger bekannt ist, dass es fast genau zwei Jahrhunderte früher schon einmal einen Prager Fenstersturz gegeben hat: am 30. Juli 1419. Der damalige Prager Fenstersturz löste die Hussitenkriege aus.

Die Menge, die sich am 30. Juli 1419 vor dem Neustädter Rathaus in Prag versammelt hat, ist aufgebracht. Sie nennen sich ‘Hussiten'. Seit vier Jahren ziehen sie regelmäßig durch die böhmische Hauptstadt und demonstrieren für den Laienkelch, für das Abendmahl auch für die einfachen Gläubigen. Auch an diesem heißen Julitag. Einige ihrer Glaubensbrüder sitzen im Kerker der Prager Burg. Lauthals fordern die Hussiten ihre Freilassung. Da wirft jemand einen Stein auf die protestierende Menge. Er kommt aus einem Rathausfenster geflogen und gibt den Auftakt für den ersten Prager Fenstersturz. Der Chronist schreibt:

Am Sonntag nach Jakobi oder am 30. Tag des Monats Juli sind der Bürgermeister und einige Ratsherren der Neustadt, alle Gegner der Kelchkommunion, durch das gemeine Volk deswegen, weil sie eine Prozession mit dem verehrungswürdigen Sakrament der Eucharistie verspottet haben, vom Neustädter Rathaus frevlerisch hinabgestoßen und grausam abgeschlachtet und ermordet worden.

Im 14. Jahrhundert ist Böhmen von einer verwahrlosten Randprovinz des deutschen Reiches zum wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum Europas aufgestiegen. Aber in diesem stürmischen Wachstum haben sich auch tiefe Konflikte aufgestaut: Immer häufiger geraten die verschiedenen Nationalitäten aneinander; das Bürgertum wird trotz seiner wirtschaftlichen und kulturellen Leistungen politisch unmündig gehalten, die unteren Volksschichten stöhnen unter einer ungerechten Steuerlast, der niedere Adel ist tief verschuldet. Dafür wird die Kirche immer reicher. Sie ist zum größten Grundbesitzer in Böhmen aufgestiegen und hortet ungeheure Schätze. Der Ablasshandel blüht, gleichzeitig nehmen Sittenlosigkeit und Unmoral des Klerus zu. All das prangert Jan Hus an. Der Philosoph und Theologe ist Prediger an der Prager Bethlehemskirche. In einer Zeit, in der im Gottesdienst nur die lateinische Sprache erlaubt ist, predigt er auf tschechisch. Eine fast unvorstellbare Kühnheit, die das einfache Volk zu schätzen weiß: endlich versteht man, was da von der Kanzel herunter gesagt wird.

Unsere Domherren, huren sie nicht überall ohne Scheu? Sie laufen in die Bordelle, sie tanzen mit, wo getanzt wird, sie sind die begehrtesten Ehebrecher für die Weiber. Erst jüngst hat man einen Mönch mit einem sündigen Eheweib beim offenen Akt in der Kirche ergriffen. Das Gotteshaus mußte danach neu geweiht werden. So treten sie die Heilige Schrift mit ihren Füßen!

Das predigt Jan Hus von der Kanzel herab. Einzig Christus ist das unumstößliche Haupt der Kirche, so sagt er, und nicht der Papst. Die Institutionen der Kirche besitzen nicht automatisch den Hoheitsanspruch in religiösen Fragen. Entscheidend ist vielmehr ein gottgemäßes Leben, das ein armer Bauer ebenso führen kann wie ein Bischof. Also soll auch das einfache Volk das Abendmahl empfangen können. So spricht Jan Hus. Und so spricht die katholische Kirche: Dieser Mann hetzt das Volk gegen den Klerus auf. Er will den Gehorsam gegenüber den Repräsentanten der Kirche abschaffen. Er ist ein Häretiker, ein Ketzer.

Magister Johannes Hus wurde aus der Stadt Konstanz hinausgeführt und auf einer Wiese an eine in die Erde hinein geschlagenen Säule mit Ketten und Seilen angebunden und von Stroh- und Holzbündeln ringsum eingeschlossen. Während er ‘Christus, Sohn des lebendigen Gottes, erbarm dich meiner' heiter zu Ende sang, wurde er vom Feuerwirbel aufgezehrt. Nach seiner Auflösung in Asche wurde, damit nicht Überreste nach ihm auf Erden erhalten bleiben, zur Mißachtung der Tschechen die Asche sogar in den Rhein gestreut.

Am 6. Juli 1415 verbrennt Jan Hus auf dem Scheiterhaufen. Der deutsche König Sigismund hat ihn wenige Tage zuvor zum Konzil nach Konstanz gerufen, wo er seine Lehre verteidigen soll. Sigismund sichert ihm freies Geleit zu, aber er bricht sein Wort: Jan Hus wird bei seiner Ankunft verhaftet und unter Folter zum Widerruf aufgefordert und schließlich als Ketzer verbrannt. Sein Tod macht Jan Hus zum Märtyrer. Seine Anhänger nennen sich fortan ‘Hussiten'. Dieser einigende Begriff führt sie alle in ihrem Protest zusammen: Den Adel, das Bürgertum, die Bauern. Es brodelt in Böhmen, und der böhmische König Wenzel IV. ist überfordert. Ohnehin ist er mehr an der Jagd und an deftigen Gelagen interessiert als an aufreibender Politik. Er verliert jede Kontrolle über die Entwicklung. Und als das Pulverfass mit dem Prager Fenstersturz endlich explodiert, zieht er es vor abzutreten. Der Chronist notiert:

Am 16. Tag des Monats August wurde König Wenzel von Böhmen etwa zur Zeit der Vesper vom Schlag getroffen, und unter großem Schreien und Brüllen wie dem eines Löwen verschied er plötzlich auf der Neuen Burg in der Nähe von Prag. Sein Tod müßte allen Königen ein warnendes Beispiel sein, damit sie Gott fürchten und sein Gesetz schützen und verteidigen.

Ausgerechnet Sigismund will die Nachfolge auf dem böhmischen Thron antreten. Ausgerechnet Sigismund, den die Tschechen nur noch den ‘eidbrüchigen Mörderkönig' nennen. Der deutsche König nimmt den Fenstersturz als willkommenen Anlass für einen Kreuzzug gegen die Ketzer. Unterstützt durch den Papst zieht er gegen die zahlenmäßig weit unterlegenen Hussiten - und verliert schmählich. Der Sieg über Sigismund gibt den Hussiten den Mut, nun ihrerseits zum Angriff überzugehen. Ganz Böhmen bringen sie unter ihre Gewalt. Sie erobern weite Gebiete von Österreich, Bayern, Sachsen und Brandenburg. Ihre neue Überfalltaktik ist so gefürchtet, dass die gegnerischen Heere gelegentlich schon beim Herannahen der Hussiten in wilder Flucht auseinanderstieben. 1431 gibt die katholische Kirche endlich nach. In den so genannten ‘Prager Kompaktaten' gesteht sie den Hussiten zu:

Freie Predigt des göttlichen Wortes
- Anerkennung des Laienkelches
- Säkularisierung des Kirchengutes
- strenge Kirchenzucht im Klerus zur Wiederherstellung einer christlichen
Lebensführung

Dieser Kompromiss spaltet die hussitische Bewegung: Nur die gemäßigten, vom Adel und wohlhabendem Bürgertum getragenen ‘Utraquisten' stimmen ihm zu. Er erfüllt ihre zentrale theologische Forderung nach Austeilung des Laienkelches, und vor allem wahrt er ihre finanziellen Vorteile: Weder Adel noch Bürgertum müssen das während der Kriege zwischen ihnen aufgeteilte konfiszierte Kircheneigentum zurückgeben. Leer gehen hingegen die ‘Taboriten' aus. Diesem radikalen Flügel gehören die unteren Volksschichten an, die nicht nur die Dogmen der Papstkirche in Frage stellen, sondern zugleich eine neue weltliche Ordnung fordern, in der alle Menschen in Gleichheit nach der Heiligen Schrift leben. Die Taboriten kämpfen weiter und werden 1434 von einem geeinten Heer der Katholiken und Utraquisten geschlagen. Die religiös-sozialen Ziele der hussitischen Taboriten sind damit endgültig gescheitert. Mit dem Sieg der hussitischen Utraquisten gelingt es aber zum ersten Mal einer religiösen Bewegung, sich als Konkurrentin zur katholischen Kirche zu etablieren - und das fast 100 Jahre vor Martin Luther.

© 18.08.2017