Das Mittelalter

Mailand und Venedig schließen Frieden

Mailand und Venedig schließen Frieden nach über 30 Jahren Krieg
von Peter Andratschke

Die italienische Renaissance ist bis heute eine der faszinierendsten Epochen der europäischen Geschichte. In Wissenschaft, Kunst, Kultur und auch in der Politik wurden die Grenzen des mittelalterlichen Denkens gesprengt. Kein Zeitalter brachte so viele Genies hervor wie die italienische Renaissance, die die Grundlagen für das moderne Europa legte. Politische Voraussetzung für die Entfaltung dieser Geisteskräfte war ein Friedensschluss vor 550 Jahren: Mailand und Venedig beendeten jahrzehntelange kriegerische Auseinandersetzungen.

Es war die Zeit, in der sich Italien in einem gewissen Gleichgewicht befand,

schrieb Niccolò Machiavelli 1513 in seinem Buch "Il Principe", zu deutsch "Der Fürst", über die Jahre von 1454 bis 1494. Über 50 Jahre relativen Friedens: Machiavelli, der ehemalige Beamte und Diplomat der Republik Florenz, rühmte eine Zeit, in der sich Italien von den permanenten Kämpfen erholen konnte. Seit dem Untergang des Römischen Reiches war Italien Schauplatz zahlloser Machtkämpfe und Kriege gewesen. Auch der am 9. April 1454 in dem lombardischen Städtchen Lodi geschlossene Friede zwischen Venedig und Mailand hätte eigentlich nicht lange halten dürfen. Doch es kam anders - und das hatte kulturgeschichtliche Folgen, die uns bis heute beeindrucken.

Mehr als 200 Jahre zuvor war der mächtige sizilianische König und Stauferkaiser Friedrich II. gestorben. Während seiner Regierung hatte der Streit zwischen Kaiser und Papst um die Vorherrschaft in Italien das Land erneut abgrundtief gespalten. Zwar war mit Friedrichs Tod der seit dem Untergang des Römischen Reiches immer wieder gehegte Traum eines geeinten Italiens endgültig zerbrochen; doch die Kämpfe gingen weiter: Nun stritten die Städte Nord- und Mittelitaliens darum, ihre Unabhängigkeit zu erringen oder zu bewahren. Bald stellten Söldnerführer, die Condottieri, Truppen auf und boten sie oft unter rein unternehmerischen Aspekten Städten und Fürsten an. Sie wechselten häufig die Seiten; das gehörte zum Geschäft und heizte die Kämpfe immer wieder an.

In vielen Städten rissen einzelne Familien die Macht an sich und schafften die republikanische Regierungsform ab. Als größere Mächte kämpften das Königreich beider Sizilien, der Kirchenstaat, die Republiken Florenz und Venedig sowie das Herzogtum Mailand um Macht und Vorherrschaft in Italien. Ab 1426 kämpfte Venedig fast 30 Jahre lang unter dem Dogen Francesco Foscari gegen Mailand und riss weite Teile Norditaliens an sich. Aber nicht einmal mit französischer Hilfe kam es zu einer Entscheidungsschlacht.

Nach einer langen Winterpause beauftragten die auch finanziell ausgebluteten Parteien den Papst mit Friedensverhandlungen. Doch Papst Nikolaus V. engagierte sich nur wenig. Sein Historiograph notierte:

Seine Klugheit sagte ihm, dass Kriege unter Fürsten die Wohlfahrt der Kirche förderten, dass dagegen die Eintracht der Fürsten die Ruhe der Kirche gefährde.

So verhandelten die Parteien bald geheim und direkt miteinander. Das Ergebnis war der Friede von Lodi, dem sich alle wichtigen Staaten Italiens anschlossen.

Ein wichtiger Grund dafür, dass dieser Friede hielt, war der Schock, dass 1453 die gefürchteten Osmanen Byzanz eroberten und nun Europa bedrohten. Zudem erkannten italienische Politiker, dass keiner ihrer Staaten die absolute Vorherrschaft erringen konnte. Unter ihnen waren Francesco Sforza, der einzige Condottiere, der ein eigenes Fürstentum erobern konnte und Herzog von Mailand wurde, und sein Freund, Cosimo de´ Medici, Chef der Republik Florenz. Über diesen klugen Bankier und Politiker notierte Machiavelli knapp und präzise:

In Staats- und Regierungsgeschäften erreichte ihn keiner seiner Zeitgenossen.

Beide waren sehr daran interessiert, ihre Staaten zu konsolidieren und sie aus Kriegen herauszuhalten, die nur Wirtschaft und Handel schädigten und zu Steuererhöhungen führten. Da der Friede die Grenzen wie die inneren Verhältnisse der Staaten festschrieb, hatte kein Herrscher mehr einen triftigen Grund, außeritalienische Mächte zu einer Intervention zu veranlassen.

Das Bündnis zwischen Mailand und Florenz war die Voraussetzung für den Frieden, den zudem nur sehr geschickte Staatsmänner wie Francesco Sforza, Cosimo de´ Medici und sein Enkel Lorenzo zu bewahren wussten; zumindest gelang es ihnen, Konflikte zu entschärfen. Die Folge dieser Staatskunst war eine unglaubliche wirtschaftliche und kulturelle Blüte, die verbunden ist mit den Namen der berühmtesten Künstler der Renaissance, wie Raffael, Botticelli,Verrocchio oder Leonardo da Vinci, der am Hof in Mailand viele Jahre verbrachte. Über ihn notierte der Humanist Bernardino Corio:

Lodovico Sforza hatte in Gelehrsamkeit und Kunst ausgezeichnete Männer selbst aus den entlegensten Teilen Europas in sein Land berufen. Hier war das Studium des Griechischen zu finden, hier gediehen in vollem Glanz lateinische Poesie und Prosa, hier wohnten die Musen der Dichtkunst; hierher kamen die Meister der Bildhauerkunst, hier versammelten sich ... die besten in der Malerei, und hier wurden Gesänge und süße Töne ... von so harmonischem Wohlklang vernommen, dass sie aus dem Himmel selbst zu diesem ausgezeichneten Hofe heruntergestiegen zu sein schienen.

Der Friede, den Mailand und Venedig 1454 schlossen, hat wesentlich dazu beigetragen, dass die italienische Renaissance aufblühen konnte. In Europa begann eine neue Zeit.

Doch der nächsten Generation von Staatsmännern gelang es nicht mehr, das inneritalienische Gleichgewicht auszutarieren. Lodovico Sforza, der Kunst und Kultur so stark gefördert hatte, fühlte sich durch ein Bündnis zwischen Neapel und Florenz so bedroht, dass er den französischen König zur Intervention in Italien aufforderte. Das war 1494, und es bedeutete das Ende des Friedens.

© 17.10.2017