Das Mittelalter

Kaiser Otto der Große gestorben

Kaiser Otto der Große gestorben von Winfried Sträter

"Das Land zeigt zwar im einzelnen einige Unterschiede; doch im ganzen macht es mit seinen Wäldern einen schaurigen, mit seinen Sümpfen einen widerwärtigen Eindruck. .. Getreide gedeiht, Obst hingegen nicht; Vieh gibt es reichlich, doch zumeist ist es unansehnlich. .. Dass die Völkerschaften der Germanen keine Städte bewohnen, ist hinreichend bekannt, ja dass sie nicht einmal zusammenhängende Siedlungen dulden. Sie hausen einzeln und gesondert, gerade wie ein Quell, eine Fläche, ein Gehölz ihnen zusagt."

So hatte einst mit Schaudern der römische Geschichtsschreiber Tacitus Germanien und die Germanen beschrieben - ein unwirtliches Land voller Sümpfe und Wälder, mit unzivilisierten Menschen in primitiven Häusern und kleinen Dörfern. Fast tausend Jahre später hatten sich die Verhältnisse kaum geändert. Die Bauern lugten immer noch durch glaslose Fensterhöhlen aus ihren Behausungen. Das frühere Germanien war inzwischen der Ostteil des ehemaligen fränkischen Reiches, das Karl der Große geschaffen hatte, das aber nach seinem Tod wieder auseinandergefallen war. Das Land östlich des Rheins gliederte sich in Stämme, Stammesherzöge waren die Mächtigsten im Land: Arnulf von Bayern, Hermann von Schwaben, Eberhard von Franken. Im zehnten Jahrhundert jedoch änderten sich die Verhältnisse.

Als Arnulf von Bayern, Hermann von Schwaben und Eberhard von Franken im Sommer des Jahres 936 nach Aachen ritten, um dort einen Sachsen zu ihrem König zu machen, ahnten sie nicht, dass sie sich an der Schwelle zu einer neuen Zeit befanden. Treibende Kraft war jener Otto, der in Aachen gekrönt wurde - ein großer, schweigsamer Mann, der gut reiten und gut jagen konnte, wichtige Voraussetzungen für einen frühmittelalterlichen Herrscher; ein Mann aber auch mit einem politischen Instinkt, wie ihn nur wenige Herrscher in der Geschichte hatten. Vergleichbar vielleicht mit Bismarck - mit dem entscheidenden Unterschied: Bismarck setzte all sein Können ein, um ein politisches System zu retten, das nicht mehr zu retten war. König Otto indes erkannte die Zeichen der Zeit und gestaltete die politischen Verhältnisse neu.

Vereinfacht gesagt ging es um die deutsche Einheit - oder: die Einheit der Deutschen. Die Stammesherzöge dachten in erster Linie an ihre eigenen Herzogtümer. Diesen Provinzialismus mussten ihre Untertanen teuer bezahlen. Denn die Herzogtümer waren zu schwach, um sich gegen die Überfälle zu wehren, die damals an der Tagesordnung waren. Die Ungarn waren noch nicht sesshaft. Immer und immer wieder kamen sie aus dem Donauraum geritten, plünderten, mordeten und brandschatzten; sie hinterließen, wenn sie wieder nach Süden abzogen, Schneisen der Verwüstung. Ottos Vater, der Sachsenherzog Heinrich, hatte es als erster geschafft, die Ungarn zurückzuschlagen. Ihm trugen die anderen Herzöge den Königstitel an - aber das hieß zunächst noch nicht viel. Die Mächtigen im Lande blieben die Herzöge.

Das sollte sich unter Heinrichs Sohn Otto ändern. Otto trat an, die Macht der deutschen Regionalfürsten zu brechen und den König zu einer wirklichen Macht im Lande zu machen. Eine endlose Kette von Fehden mit den Herzogsfamilien war die Folge. Welchen Teufel ritt der König, sie immer wieder bis aufs Blut zu reizen? Weil der Sohn und designierte Nachfolger des Herzogs von Bayern darauf verzichtete, König Otto aufzusuchen und ihm den Treueid zu leisten, setzte Otto ihn kurzerhand ab und machte einen eigenen Mann zum Herzog von Bayern. Das war ungeheuerlich.

Ottos Schlag gegen den bayerischen Stammesherzog rief nicht nur die betroffene Familie auf den Plan: Alle deutschen Herzöge waren alarmiert. Sie begriffen, dass sich Ottos Coup gegen Bayern im Prinzip gegen sie alle richtete und zogen gegen ihn zu Felde. Die erste Rebellion war schnell niedergeschlagen. Doch es ging weiter. Pfingsten 941 sollte Otto ermordet werden. Die Verschwörung flog auf. Selbst sein Bruder war darin verwickelt. Otto ließ ihn leben und versöhnte sich mit ihm. Als nüchtern kalkulierender Machtpolitiker war ihm klar: Rachegelüste hätten die Durchsetzung seines kühnen politischen Projekts nur bedroht.

Seinen Sieg über die deutschen Regionalfürsten verdankte Otto letztlich einem Ereignis im August des Jahres 955. Die Ungarn waren wieder da.

Angesichts der Kämpfe in den deutschen Landen schien ihnen die Situation günstig. Doch in der entscheidenden Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg wurden sie von den Truppen Ottos vernichtend geschlagen. Diese Schlacht beseitigte endgültig die Gefahr: die Ungarn zogen sich zurück und wurden sesshaft.

Und Otto war endgültig der Große. Wer solches Kriegsglück hatte, der wurde wie ein Gott verehrt.

"Vater des Vaterlandes und Imperator"

Mit diesem Ausruf wurde er nach dem Sieg gepriesen. Geschickt festigte Otto seine Königsherrschaft: Die Herzöge waren nun vom König abhängig und wurden von ihm wie Beamte eingesetzt. Da den alten Herzogsfamilien noch nicht ganz zu trauen war, band Otto die Kirche ein, übertrug kirchlichen Würdenträgern die wichtigsten Ämter im Reich. Zugleich achtete darauf, dass keine Gegner auf hohe kirchliche Posten gesetzt wurden.

Mit Hilfe des Papstes griff Otto schließlich nach den Sternen: Im Jahr 962 ließ er sich in Rom zum Kaiser krönen - so wie eineinhalb Jahrhunderte vor ihm Karl der Große. Innerhalb von 26 Jahren hatte Otto aus einem losen Verbund ostfränkischer Herzogtümer ein einheitlich regiertes Reich geformt. Damals kam der Name "tiudisk", "diutisk" - deutsch - in Umlauf. Als Otto der Große am 7. Mai 973 im Alter von 60 Jahren in der Pfalz Memleben starb, hatte er nicht nur politisch die Welt verändert. Mit der Überwindung der Kleinstaaterei und der Öffnung nach Italien wurden in den deutschen Landen allmählich auch die kulturellen Einflüsse aus dem weit zivilisierteren Süden Europas spürbar. Zugleich hatte Otto die Grundlagen für einen Streit gelegt, der sich durch das ganze Mittelalter ziehen sollte: den Kampf zwischen Staat und Kirche, zwischen Kaiser und Papst um die politische Vorherrschaft in Europa.

© 17.10.2017